Lebhafte Debatte um Kulturhauptstadt-Bewerbung

Fast schon überwältigend, wie begeistert nahezu alle zu dieser Idee stehen. Ein Punkt wird aber sehr wichtig sein: Die europäische Dimension der Chemnitzer Bewerbung herauszuarbeiten. Da mag der ein oder andere schmunzeln. In diese Kategorie gehören zum Beispiel folgende Punkte: Die ganz hervorragende Zusammenarbeit der Uni mit anderen Städten, überhaupt die Partnerstädte von Chemnitz. Hier gehören Initiativen zur Völkerverständigung und zu gegenseitigem Respekt dazu.
Immer wieder wird erwähnt, dass Chemnitz exemplarisch für einen Veränderungsprozess steht, der auch viele andere Städte betrifft. Was für Antworten, die andere nutzen können, haben wir da? Die Stadt hat einen europawissenschaftlichen Studiengang. Und dann gibt es da zum Beispiel auch mit Schlingel ein internationales Filmfestival. Mit dem Opernensemble und dem Orchester haben wir viele internationale Künstler in der Stadt.
All diese Punkte reichen noch lange nicht, um eine europäische Jury zu überzeugen. Aber sie können Ausgangspunkt für eine Diskussion sein.

Konzept zur Kulturhauptstadt: Bitte doch nicht ganz so viel Bürgerbeteiligung

Am Mittwoch, den 25.1.2017, wird der Stadtrat über eine Bewerbung der Stadt Chemnitz als Europäische Kulturhauptstadt 2025 entscheiden.

Die Vorlage über die der Stadtrat enscheiden soll und die als Grundlage für die Ausarbeitung der Bewerbung dient, liegt jetzt endlich vor und kann diskutiert werden. Ich möchte nicht alles auseinandernehmen, aber auf einige interessante Details hinweisen:

Die Lenkungsgruppe […] setzt inhaltliche Schwerpunkte, definiert Rahmenbedingungen und erforderliche, in den Gremien des Stadtrates zu treffende Beschlüsse.

Da sitzen dann elf ständige Mitglieder, wie etwa Stadträte und Verwaltungsmitarbeiter sowie zwei bis fünf externe Vertreter.  Vielleicht sind mit diesen externen Vertretern die Bürger der Stadt Chemnitz gemeint, die dieses Projekt tragen sollen, vielleicht auch nicht. Aber alles wird gut:

Perspektivisch: Es wird begrüßt, wenn das gesellschaftliche Engagement zur Bewerbung um den Titel Kulturhauptstadt Europas zur Gründung eines Vereins führt, der die Projektorganisation unterstützt und die Idee in die Stadtgesellschaft trägt.

Naja Konkretes sieht anders aus. aber halt stopp!

Mit dem Prozess der Bürgerbeteiligung wurde bereits begonnen. Er wird fortgesetzt bzw. vertieft. Es folgen demnach nicht nur weitere fachliche Gespräche und Ideenwerkstätten mit den Akteuren aller, vom Projekt Kulturhauptstadt Europa tangierter Gesellschaftsbereiche, sondern es wird ebenso Chancen und Projekte zur Teilhabe der Bevölkerung der Stadt und
Region geben.

Also ganz ehrlich, mir ist klar, dass es unterschiedliche Auffassungen zu Bürgerbeteiligung gibt, aber Chemnitz steht da meiner Meinung nach ganz weit am Anfang. Und da, Frau OB Ludwig, liegt die “Bringschuld” eben doch bei ihnen. Wenn sie Mitbestimmung wollen, dann schaffen sie bitte auch
die strukturellen Voraussetzungen dafür, mit Stimm- und Entscheidungsrecht für uns Chemnitzer. Weitere Laberrunden, wie etwa das Brühlgremium, in dem so viel Energie und so viele Vorschläge der Anwohner einfach verpufft sind, brauchen wir nicht.

Hier ist der Antrag der zunächst im Kulturausschuss behandelt wird:

Beschlussvorlage + Anhang

Wieviel wird’s kosten?

„Wer das wissen will, braucht mit uns den Weg gar nicht zu gehen.“

OB Ludwig zum offenen Gespräch am 13.12.16 im Stadtbad auf die Frage nach den Kosten

Was auch immer BaLu sagen wollte, das kam raus. Dabei war die Frage völlig berechtigt: Ist denn die Kostenschätzung der Stadt realistisch? Wenn die Vertreter aus Pilsen und Timisoara von 48 und 68 Millionen Euro sprechen, aber Chemnitz von 20 Millionen Euro? Geht es in dem einen Fall um Gesamtkosten und in dem anderen um den Eigenanteil?
Warum glaubt Chemnitz mit 1,2 Millionen Euro in der Bewerbungsphase auskommen zu können, wenn der Vertreter aus Pilsen rät, 3-5 Millionen Euro einzuplanen?
Gibt es eine Zusage von Sachsen und dem Bund sich zu beteiligen?

Mehr sollte klar sein, wenn sich der Stadtrat im Januar positioniert hat. Aber ganz ehrlich, bei solchen Summen sollte vielleicht mal vorher gerechnet werden. Und die Kostenschätzung könnte vielleicht, aber nur vielleicht, ein wenig transparenter sein.

Erste vage Ideen der Stadt

Chemnitz „ist Schauplatz für den demographischen Wandel
und die Herausforderungen, sich zu entscheiden, wie man ihn gleichzeitig annimmt und ihm entgegentritt. Hier sind wir, manchmal zwangsläufig, Experimentierfeld.

Dieses Experimentierfeld generiert Geschichten. Geschichten über
Veränderung, über Identität: „Chemnitz–Karl-Marx-Stadt–Chemnitz“, über Generationenverständigung und über Nachhaltigkeit, also die Verantwortung der Älteren, jetzt die Mehrheit in der Stadtbevölkerung, für die Zukunft der jungen Generationen. Warum also nicht diese Geschichten zum Thema einer Bewerbung machen?“

Zeitlicher Ablauf

Hier ein kurzer Abriss über den zeitlichen Ablauf der Bewerbung von Chemnitz als Europäische Kulturhauptstadt 2025.

Mit jeweils sechs Jahren Vorlaufzeit läutet der jeweilige Mitgliedstaat ein nationales Auswahlverfahren ein.

Das Auswahlverfahren in Deutschland wird also 2019 beginnen. Als Konkurrenten stehen bisher fest: Dresden, Magdeburg, Nürnberg und Stralsund. Bereits am 25. Januar 2017 wird aber der Stadtrat darüber abstimmen, ob sich Chemnitz bewirbt. Sollte das der Fall sein, wird die Stadt bis 2019 ihre Bewerbung vorbereiten.
2020 gibt es dann ein Vorauswahlverfahren durch eine Jury – schafft es Chemnitz diese Hürde zu nehmen, wird anhand der Juryempfehlung die Bewerbung ergänzt und überarbeitet. Die zweite und letzte Runde in diesem Verfahren wird schließlich eine Kulturhauptstadt hervorbringen, die dann – vielleicht wird es Chemnitz sein – ab 2021 mit den Vorbereitungen für das Kulturhauptstadtjahr 2025 beginnt.

Quellen:
Stadt Chemnitz
Wikipedia